Und dann hätten wir noch gerne…

11/11/2013 — Hinterlasse einen Kommentar

BILDWahlzentrale

Zur Zeit brandet in der Diskussion rund um den LSVD auch die Frage nach der Förderabhängigkeit auf. Bevor ich mich allerdings inhaltlich auf die aktuelle Diskussion einlasse, möchte ich aus aktullem Anlass hier einen Artikel aus dem CSD Magazin 2013 posten, bei dem es gerade um Einflußnahme und Geldflüsse geht. 

Unternehmen würden Einfluss auf die Ausrichtung des CSD nehmen, heißt es. Der böse Kommerz, der beim CSD Politik macht. Die Wirklichkeit sieht vollkommen anders aus. Ein Erfahrungsbericht aus insgesamt 17 Jahren CSD Arbeit.

Firmenlogos, Werbebanner, Anzeigen und Unternehmensstände auf CSDs. Schnell und oft kommt dafür Kritik aus der Community. Diese bösen Firmen nehmen sicher auch Einfluss auf die Inhalte des CSD. Die „reine“ Politik werde dadurch nur verwässert. Selten wird dabei bedacht, dass Unternehmen unser aller Leben genauso prägen wie Parteien, Vereine, Medien, zivilgesellschaftliche Gruppen oder andere Organisationen. Unternehmen sind unsere Arbeitgeber, Produzenten, Händler und Dienstleister.

In all den Jahren meiner CSD Erfahrung hatte ich schon unzählige Auseinandersetzungen mit Unternehmen, die sich am CSD beteiligten. Bei Sponsoren ging es dabei ausschließlich um rein werbliche Belange, also die Größe des Logos auf einem Plakat, die Position von Ständen oder etwa um die Kleidung und das Aussehen von Promotern. Es ging dabei immer um die Sichtbarkeit des Unternehmens, hinzu kamen Anfragen wegen VIP-Tickets, Wagenplätzen und Fotos mit Promis. Alles keine dramatischen Ansprüche. Manchmal wurden diese Wünsche erfüllt, manchmal nicht. Manchmal mussten die Sponsoren dafür zusätzlich in die Tasche greifen, manchmal erfüllten wir Wünsche im Sinne der Sponsorenpflege.

Genau dieselben Wünsche kommen auch aus der Community. Es werden Ansprüche erhoben wegen der Positionierung von Ständen, der Wagenreihenfolge, Logos und Werbebannern für die Vereine. Bei Anfragen für VIP-Tickets sind Communityvereine viel unverschämter als Sponsoren das je wären. Und bei vielen Vereinen herrscht die irrige Überzeugung, dass ihnen all dies vollkommen kostenlos zustünde, sie seien ja Teil der Community. Aus dieser Ecke kommen auch verstärkt Versuche der politischen Einflussnahme: Der CSD müsse dies fordern oder jenes fordern, weil gerade ein schwullesbischestransinter Projekt seine Forderungen als die allerwichtigsten ansieht. Dafür haben die meisten CSDs Gremien geschaffen, um einen Interessensausgleich zu schaffen, wo Forderungen und Inhalte der CSDs beschlossen werden.

Der größte Druck auf die CSDs kommt aber ganz klar aus der Politik. Da wird schon mal verlangt, den CSD Termin zu verschieben, die CSD Route oder den Abschlussort; selbst im großen Berlin. Per Pressemitteilung teilte ein Stadtrat mit, dass der CSD nicht genehmigungsfähig sei. Mit dubiosen und dreisten Behauptungen wurde versucht die CSD Route von der russischen Botschaft fernzuhalten. Manchmal sind solche Einflussnahmen bewusst und beabsichtigt, manchmal resultieren sie aus Inkompetenz und Zuständigkeitsgerangel verschiedener Behörden. 2011 hatte die Berliner Verwaltung das Brandenburger Tor doppelt „vergeben“. Am Tag des CSD sollte dort die Eröffnung der Frauenfußball-WM stattfinden. Das Land Berlin hatte der FIFA versprochen, dort eine große Feier auszurichten, der CSD solle doch an die Siegessäule gehen. Wir weigerten uns und verhandelten mit der FIFA, wovon die Berliner Politik ausdrücklich abriet. Es konnte sogar eine Einigung erzielt werden: Die FIFA wollte eine Anti-Homophobie Kampagne starten, offizielle Statements abgeben. Dafür wäre der CSD an die Siegessäule gegangen und wir hätten nebeneinander und übergreifend gefeiert. Dazu kam es nicht, weil die Stadt die Eröffnungsfeier nicht organisiert bekam, der Deal scheiterte. Es gab auch schon Schreiduelle mit Bundestagsabgeordneten wegen der Anzahl und der Weitergabe von VIP-Tickets. So dreist waren nicht einmal Communityvereine.

Beim CSD London, der von der Stadt gefördert wird, hat die Kanzlei des Bürgermeisters im Londoner Rathaus sogar Einfluss auf die RednerInnenliste auf der Hauptbühne genommen.  So sollte eine Rede des renommierten und regierungskritischen Aktivisten Peter Tatchell verhindert werden. Als dies öffentlich wurde, ruderte das Rathaus zurück.

Jeder CSD Veranstalter kann ein Lied davon singen und ganz persönliche Anekdoten erzählen. Der „Kommerz“ kommt darin allerdings kaum vor.

von Robert Kastl erstmals erschienen im CSD (Bundes)magazin 2013 im Mai 2013

Illustration: Grafik zur Wahlzentrale der BILD

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