Archive für CSD Magazin

BILDWahlzentrale

Zur Zeit brandet in der Diskussion rund um den LSVD auch die Frage nach der Förderabhängigkeit auf. Bevor ich mich allerdings inhaltlich auf die aktuelle Diskussion einlasse, möchte ich aus aktullem Anlass hier einen Artikel aus dem CSD Magazin 2013 posten, bei dem es gerade um Einflußnahme und Geldflüsse geht. 

Unternehmen würden Einfluss auf die Ausrichtung des CSD nehmen, heißt es. Der böse Kommerz, der beim CSD Politik macht. Die Wirklichkeit sieht vollkommen anders aus. Ein Erfahrungsbericht aus insgesamt 17 Jahren CSD Arbeit.

Firmenlogos, Werbebanner, Anzeigen und Unternehmensstände auf CSDs. Schnell und oft kommt dafür Kritik aus der Community. Diese bösen Firmen nehmen sicher auch Einfluss auf die Inhalte des CSD. Die „reine“ Politik werde dadurch nur verwässert. Selten wird dabei bedacht, dass Unternehmen unser aller Leben genauso prägen wie Parteien, Vereine, Medien, zivilgesellschaftliche Gruppen oder andere Organisationen. Unternehmen sind unsere Arbeitgeber, Produzenten, Händler und Dienstleister.

In all den Jahren meiner CSD Erfahrung hatte ich schon unzählige Auseinandersetzungen mit Unternehmen, die sich am CSD beteiligten. Bei Sponsoren ging es dabei ausschließlich um rein werbliche Belange, also die Größe des Logos auf einem Plakat, die Position von Ständen oder etwa um die Kleidung und das Aussehen von Promotern. Es ging dabei immer um die Sichtbarkeit des Unternehmens, hinzu kamen Anfragen wegen VIP-Tickets, Wagenplätzen und Fotos mit Promis. Alles keine dramatischen Ansprüche. Manchmal wurden diese Wünsche erfüllt, manchmal nicht. Manchmal mussten die Sponsoren dafür zusätzlich in die Tasche greifen, manchmal erfüllten wir Wünsche im Sinne der Sponsorenpflege.

Genau dieselben Wünsche kommen auch aus der Community. Es werden Ansprüche erhoben wegen der Positionierung von Ständen, der Wagenreihenfolge, Logos und Werbebannern für die Vereine. Bei Anfragen für VIP-Tickets sind Communityvereine viel unverschämter als Sponsoren das je wären. Und bei vielen Vereinen herrscht die irrige Überzeugung, dass ihnen all dies vollkommen kostenlos zustünde, sie seien ja Teil der Community. Aus dieser Ecke kommen auch verstärkt Versuche der politischen Einflussnahme: Der CSD müsse dies fordern oder jenes fordern, weil gerade ein schwullesbischestransinter Projekt seine Forderungen als die allerwichtigsten ansieht. Dafür haben die meisten CSDs Gremien geschaffen, um einen Interessensausgleich zu schaffen, wo Forderungen und Inhalte der CSDs beschlossen werden.

Der größte Druck auf die CSDs kommt aber ganz klar aus der Politik. Da wird schon mal verlangt, den CSD Termin zu verschieben, die CSD Route oder den Abschlussort; selbst im großen Berlin. Per Pressemitteilung teilte ein Stadtrat mit, dass der CSD nicht genehmigungsfähig sei. Mit dubiosen und dreisten Behauptungen wurde versucht die CSD Route von der russischen Botschaft fernzuhalten. Manchmal sind solche Einflussnahmen bewusst und beabsichtigt, manchmal resultieren sie aus Inkompetenz und Zuständigkeitsgerangel verschiedener Behörden. 2011 hatte die Berliner Verwaltung das Brandenburger Tor doppelt „vergeben“. Am Tag des CSD sollte dort die Eröffnung der Frauenfußball-WM stattfinden. Das Land Berlin hatte der FIFA versprochen, dort eine große Feier auszurichten, der CSD solle doch an die Siegessäule gehen. Wir weigerten uns und verhandelten mit der FIFA, wovon die Berliner Politik ausdrücklich abriet. Es konnte sogar eine Einigung erzielt werden: Die FIFA wollte eine Anti-Homophobie Kampagne starten, offizielle Statements abgeben. Dafür wäre der CSD an die Siegessäule gegangen und wir hätten nebeneinander und übergreifend gefeiert. Dazu kam es nicht, weil die Stadt die Eröffnungsfeier nicht organisiert bekam, der Deal scheiterte. Es gab auch schon Schreiduelle mit Bundestagsabgeordneten wegen der Anzahl und der Weitergabe von VIP-Tickets. So dreist waren nicht einmal Communityvereine.

Beim CSD London, der von der Stadt gefördert wird, hat die Kanzlei des Bürgermeisters im Londoner Rathaus sogar Einfluss auf die RednerInnenliste auf der Hauptbühne genommen.  So sollte eine Rede des renommierten und regierungskritischen Aktivisten Peter Tatchell verhindert werden. Als dies öffentlich wurde, ruderte das Rathaus zurück.

Jeder CSD Veranstalter kann ein Lied davon singen und ganz persönliche Anekdoten erzählen. Der „Kommerz“ kommt darin allerdings kaum vor.

von Robert Kastl erstmals erschienen im CSD (Bundes)magazin 2013 im Mai 2013

Illustration: Grafik zur Wahlzentrale der BILD

So ist das halt!

06/06/2013 — 1 Kommentar

Ausnahmsweise schreiben die Herausgeber dieses Editorial persönlich. Das
passiert zum ersten Mal in den dreizehn Jahren, seit es das CSD Magazin gibt. Denn zum ersten Mal verziert das Oberhaupt der deutschen Bundesregierung die Titelseite. Der Grund dafür ist eigentlich ein erfreulicher: Die Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Paaren ist endlich da! Das Bundesverfassungsgericht hat mit dem Urteil zur Sukzessivadoption im Februar die Gleichstellung de facto vollendet. Es fehlen zwar noch Ehegattensplitting und Volladoption, aber die Urteile folgen in den nächsten Monaten und es gibt keinen Grund, warum das Gericht von seiner bisherigen Rechtsprechung abweichen sollte. Hurra!

Und Merkel? Persönlich ist Merkel uns beiden recht sympathisch. Sie ist eine Frau, Naturwissenschaftlerin, zurückhaltend, überlegt. Persönlich hat sie nichts gegen Schwule und Lesben, heißt es aus Unionskreisen. Das glauben wir tatsächlich. Persönlich habe sie auch kein wirkliches Problem mit der Homo-Ehe, also der richtigen Ehe, nicht der Lebenspartnerschaft, heißt es aus Unionskreisen. Auch das glauben wir tatsächlich. Aber das ist halt leider mit der Union nicht zu machen. Sie wissen schon, wegen der CSU. So ist das halt in einer Koalition. Ist nichts Persönliches.

Hand aufs Herz. Es geht uns doch gut in Deutschland. Schwule, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuelle werden heute nicht mehr diskriminiert. Schwule werden nicht mehr ins Gefängnis gesteckt. Und das Ehegattensplitting kommt sowieso vom Bundesverfassungsgericht. So ist das halt mit der Realpolitik. Ist nichts Persönliches.

Und die 50.000 Schwulen, deren Leben ruiniert wurde, die Schwulen, die zwischen 1945 und 1969 tatsächlich ins Gefängnis geworfen wurden, weil sie einvernehmlichen Sex hatten, sind doch längst wieder frei. Entschädigung geht eben nicht, weil das ja damals rechtens war. So ist das halt mit der Rechtsstaatlichkeit. Ist nichts Persönliches.

Und das mit dem Heiraten betrifft ja nicht so viele. Die Schwulen wollen doch gar nicht hei- raten. Und die paar Lesben? Dafür gleich Gesetze ändern? Womöglich sogar die Verfassung, weil die Ehe dort ja geschützt ist! Das geht nur mit Zwei-Drittel Mehrheit. So ist das halt mit dem Grundgesetz. Ist nichts Persönliches.

Na gut, die Transsexuellen müssen sich noch begutachten lassen und vor Gericht und um- operieren, um das Geschlecht auch amtlich zu ändern. Ist ja auch eine große Sache, so ein amtliches Geschlecht. So ist das halt im Personenstandsrecht. Ist nichts Persönliches.

Und AsylbewerberInnen müssen erst beweisen, dass sie homosexuell sind und verfolgt werden, damit sie nicht dorthin abgeschoben werden, wo sie dafür ins Gefängnis müssen. Da könnte ja jeder kommen. Und sie können daheim auch einfach etwas zurückhaltender sein. So ist das halt im Asylrecht. Ist nichts Persönliches.

Und Homoheiler dürfen auch weiterhin quacksalbern. Nur weil Studien sagen, dass das nichts bringt oder sogar gefährlich ist und ein paar Jugendliche sich vielleicht aus Verzweiflung umbringen? Diese Leute wollen ja geheilt werden. So ist das halt mit der Patientenautonomie. Ist nichts Persönliches.

Und Putzkräfte oder ÄrztInnen, die in katholischen Krankenhäusern arbeiten, suchen sich ihre Arbeitsplätze ja selbst aus. Sie können ja auch in ein anderes Krankenhaus, wo schwullesbisch sein oder wieder heiraten oder die Pille danach keine legalen Kündigungsgründe sind. So ist das halt mit der Religionsfreiheit. Ist nichts Persönliches.

Und wer könnte das alles ändern? Richtig! Der Gesetzgeber.
Und der Gesetzgeber, das ist die Mehrheit im Bundestag, also die Regierungsparteien. Dazu müsste die Regierung aber eine Gesetzesvorlage einbringen.
Will die Regierung denn Gesetze einbringen? Wer ist da verantwortlich? Richtig! Die Bundeskanzlerin.

Und die Regierungsfraktionen im Bundestag müssten die Gesetze beschließen. Sie könnten auch selbst Gesetzesvorlagen einbringen. Die FDP würde ja wollen, wenn man sie nur lassen täte, heißt es, aber die CDU!? Tja, die CDU.
Will die CDU denn überhaupt? Wer ist da verantwortlich? Richtig! Die Parteivorsitzende.

Wer will, findet Wege! Wer nicht will, findet Gründe! So ist das halt.
Dr. Angela Merkel ist die CDU Parteivorsitzende. Dr. Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin. So ist das halt.

Sie ist verantwortlich. Sie könnte, wenn sie wollte. Sie ist schuld. So ist das halt in Deutschland. Ist nichts Persönliches.

Robert Kastl und
Christian Schneider-Lindbergh
Herausgeber CSD Magazin

(erschienen im CSD Magazin zu finden unter www.csd-magazin.de)